Ich habe meine erste Therapie 1993 gemacht, war dann 15 Jahre trocken. In der Zeit meiner Trockenheit habe ich, wenn bei mir eine Feier anstand, für meine Gäste Sekt oder Wein gekauft. Ich konnte damit umgehen. Bis zu dem Tag, wo ich rückfällig wurde. Normalerweise habe ich immer die Reste ausgekippt, wenn die Feier beendet war, oder ich habe sie Freunde mitgegeben. Aber an diesem Tag habe ich den Rest Wein selbst getrunken. Dabei blieb es dann nicht. Erst wurde es immer mehr Wein, später kam Weinbrand hinzu.

Zur Selbsthilfegruppe bin ich gegangen, fand aber immer öfter Ausreden, um wegzubleiben. Es sollte ja keiner merken. Und auf Ratschläge, hatte ich keine Lust, Ich hätte sie sowieso ignoriert.

Ich wollte "zur Ruhe kommen". Abschalten vom Dauerstress. Und ein Weinbrand, legte bei mir den Schalter um. Ein schlechtes Gewissen hatte ich immer, aber ich kam da nicht mehr raus. Bis es zum großen Knall kam. Ich wurde eines morgens von der Polizei angehalten, Kontrolle. Da hatte ich schon 1,9 Promille! Mein Kartenhaus brach zusammen. Führerschein weg. Was nun? Ich habe ja alle belogen, nicht nur mich selbst, sondern auch Familie und meine Freunde, eigentlich alle Menschen, mit denen ich zu tun hatte, und meine Selbsthilfegruppe. Ich habe mich geschämt, wie schon lange nicht mehr!!

Mein Körper und meine Seele waren ein Wrack. Die Gruppe, die ich so lange getäuscht und belogen habe, hat trotzdem zu mir gehalten. Statt Vorwürfen, gab es viele Gespräche darüber, wie es jetzt weitergehen soll. Es gab auch Einzelgespräche mit dem Gruppenleiter, in die meine Familie eingebunden war.

Die schlimmste Strafe, die ich dann aber doch erleiden musste: meine Kinder haben mich wie Luft behandelt, und das tat weh! Mehr, als wenn sie mir Vorwürfe gemacht hätten. Dieser Absturz hat aber was bei mir ausgelöst. Ich habe ich mir geschworen: Das ist jetzt der Wendepunkt in meinem Leben! Alkohol trinke ich keinen mehr!

Dann habe ich eine Entgiftung gemacht und bin für 10 Wochen in eine Langzeittherapie gegangen. Ohne meinen Willen, es zu schaffen und die Bereitschaft, etwas zu verändern und ohne den Beistand der Gruppe und meiner Familie hätte ich es nicht geschafft. Mein Mann und vor allem meine beiden Kinder haben wieder Vertrauen zu mir. Das wächst täglich. Wir reden jetzt über alles. Was ganz wichtig ist für mich, ich rede über meine Probleme und schlucke nicht alles runter. Mein Mann und meine Töchter haben verstanden, dass Alkoholsucht eine Krankheit ist. Ein Alkoholiker kann nicht kontrolliert trinken? Vielleicht musste ich erst ganz unten sein, um wieder nach oben zu kommen. Aber es zu schaffen, macht mir ein unglaublich gutes Gefühl.

Annegret

Freundeskreis Bothel/Visselhövede